„Drei Tage bis Vollmond“

Leseprobe:

Auszug aus dem 2. Kapitel:

Emil war gerade mit Zähneputzen beschäftigt, als es klingelte. Er schaute auf die Uhr: halb zwei. Wer konnte das noch sein? Die Zahnbürste im Mund ging er zur Wohnungstür. Als er sie öffnete, fiel er in zwei tiefe, blaue Bergseen. Erst nach Sekunden begriff er, dass es sich dabei um die schönsten Augen handelte, die er je gesehen hatte. Sie strahlten ihn aus einem überirdisch anmutigen Gesicht an, das eingerahmt war von glattem platinblondem Haar. Ein enger roter Rollkragenpulli, auf dem sich in schwarzen Lettern „Devil“ über einen vollen Busen spannte, eine auf Taille geschnittene Lederjacke und Bluejeans komplettierten das Outfit des Mädchens, das dort im Hausflur vor ihm stand.

Sie war einfach umwerfend, atemberaubend, überwältigend – und hatte sich zweifellos in der Tür geirrt.

Dennoch schenkte sie ihm jetzt ein strahlendes Lächeln. Erst als er es erwiderte, erinnerte Emil sich wieder daran, dass er ja noch die Zahnbürste im Mund hatte. Hastig nahm er sie heraus und wischte sich mit seinem T-Shirt über die Lippen.

Mit heller, klarer Stimme fragte sie: „Emil?“

„Äh … ja?“, antwortete er völlig verdutzt.

Ihr Lächeln wurde noch strahlender. Sie flötete: „Bist du allein zu Hause?“

„Äh … ja!“, strahlte Emil zurück.

In diesem Moment fiel das Lächeln einer Maske gleich aus ihrem Gesicht und wich eisiger, emotionsloser Kälte. Sie stieß ihm mit der Hand so heftig vor die Brust, dass er nach hinten in den Flur fiel und dort benommen auf dem Boden sitzen blieb. Dann machte sie einen schnellen Schritt nach vorne, schloss die Wohnungstür hinter sich und zischte: „Wo ist die Pyramide?“

„Pyramide?“

Emil war sonst weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen, aber das ging ihm alles eine Nummer zu schnell. Er kam mit dem Denken einfach nicht mehr hinterher. Sie griff derweil in ihre Jacke und holte daraus eine große Automatikpistole hervor, die sie drohend auf ihn richtete: „Ich weiß, dass du sie hast!“

Jetzt begriff er: Die Pyramide, die sie vorhin gefunden hatten! Das musste ein schlechter Film sein. Oder seine Kumpels wollten ihn verarschen und Constantin hatte eine seiner Mediziner-Torten dazu überredet, mitzumachen. Toller Witz!

Ihr hatte sein Zögern wohl zu lange gedauert, also schoss sie. Hinter ihm zerbarst mit einem lauten Knall die Scheibe der Küchentür in tausend Stücke. Die Pistole war echt!

Während Emil noch versuchte zu begreifen, dass die Frau seiner Träume plötzlich in seiner Diele stand und damit drohte, ihn zu erschießen, warf sie einen schnellen Blick durch die offene Schlafzimmertür. Dort stand die Pyramide im Schein der Schreibtischlampe mitten auf Emils Arbeitsplatz, über dem ein großes „I hate Jura“-Plakat an die Wand gepinnt war. Um sie herum lagen ein ganzer Stapel aufgeschlagener Wörterbücher und eine Tolkien’sche Runenkunde. Die Kleine atmete erleichtert durch und wandte sich ohne Zögern dem Schreibtisch zu. Hinter ihr verschwand in einer anmutigen Bewegung ihre Schwanzquaste durch die Schlafzimmertür.

Schwanzquaste.

Sie hatte einen … Schwanz.

Wie ein … Teufel.

Unvermittelt kam Emil der „Devil“-Schriftzug auf ihrem Pulli zu Bewusstsein. Aber das war doch nicht möglich! Dann stand sie wieder im Flur, die Pistole immer noch in der rechten, die Pyramide in der linken Hand. Zwischen ihren Beinen peitschte eindeutig ein langer Schwanz mit buschiger Quaste nervös hin und her. Jetzt fielen Emil auch die Hörner auf ihrer Stirn auf – kleine Hörner zwar, aber dennoch zweifelsfrei Hörner. Sie blickte ihn einen Augenblick lang mit tiefem Ernst an und sagte dann: „Du vergisst besser alles, was du heute Nacht gesehen hast.“

Dann war sie durch die Wohnungstür verschwunden, die hinter ihr wieder ins Schloss fiel. Emil saß, die Zahnbürste in der Hand, auf dem Fußboden seiner Diele vor seiner zerschossenen Küchentür und zweifelte ernsthaft an seinem Verstand. Er saß immer noch da, als es zum zweiten Mal klingelte.

***

Malte fiel der verstörte Gesichtsausdruck seines Freundes nicht auf, als dieser die Tür öffnete. Das lag vor allem daran, dass er selbst immer noch viel zu verstört war, um sich mit den Problemen anderer herumzuschlagen.

„Hi, ich habe ihnen nichts verraten, aber du hast gerade, als sie da waren, angerufen und sie haben deine Adresse in meinem Filofax gefunden“, ratterte Malte los.

„Äh … was?“, fragte Emil verdattert, aber dennoch fest entschlossen, sich von dieser neuen Herausforderung nicht wieder das Heft aus der Hand nehmen zu lassen. Dass Malte nicht alleine war, hatte er erst bemerkt, als dieser von „ihnen“ gesprochen und dabei einen unsicheren Blick über die Schulter geworfen hatte. Die kleine Asiatin und der große, indianisch aussehende Typ im schwarzen Ledertrenchcoat, die hinter seinem Freund im Hausflur standen, machten keinen wirklich vertrauenserweckenden Eindruck.

Sie schob Malte jetzt beiseite und fragte unvermittelt: „Wo ist die Pyramide?“

„Pyramide?“, echote Emil, während sich ihm ein eindringliches Déjà-vu ins Bewusstsein drängte.

Der Indianer trat ungeduldig vor, hob ihn ohne besondere Anstrengung mit einer Hand in die Höhe und knurrte: „Du hast doch gehört, was sie gesagt hat!“

Hilfesuchend schaute Emil zu Malte, der seinen Blick achselzuckend erwiderte: „Mach dir nichts draus, das hat er bei mir auch schon gemacht. Aber sie behaupten wenigstens, sie seien die good guys.“

***

Der Morgen hing düster und schwer über der Stadt. Das Unwetter der vorigen Nacht hatte sich verzogen, aber ein tief hängender Wolkenteppich war sein Vermächtnis. Er kündete vom endgültigen Ende der warmen Jahreszeit. Am östlichen Himmel kroch langsam die fahle Helligkeit des Tages herauf und vereinigte sich mit den unzähligen von Menschenhand geschaffenen Lichtern zu einer milchigen Dämmerung.

Hoch oben aber, in den Erkern und Giebeln des Doms, zwischen gotischen Säulen, Bögen und Wasserspeiern, war die Macht der Schatten noch nicht gebrochen. Dunkel und unnahbar stand die Kathedrale, die doch eigentlich ein Bauwerk des Lichts sein sollte, auf ihrem Platz über dem Rhein. Nur wenige Menschen waren zu dieser frühen Stunde schon auf der Domplatte und dem Bahnhofsvorplatz unterwegs. Und diese Wenigen wandten sich nach einem kurzen Blick in die unheimlichen steinernen Höhen unbehaglich ab – Dingen zu, die ihnen näher und vertrauter waren. Welch guten Grund ihr Unbehagen hatte, konnten sie nicht ahnen. Denn keiner von ihnen sah, dass sich hoch oben im Schatten eines ausladenden Vorsprungs tatsächlich etwas Großes, Dunkles bewegte – etwas, das den Tiefen der Hölle entstiegen war, um nun hier oben sein Unwesen zu treiben unter all diesen ahnungslosen Schafen. Vor allem aber war es gekommen, um seinem Herrn dessen rechtmäßiges Eigentum wieder zu beschaffen und sie für ihren Verrat zu bestrafen.

Während die rotglühenden Augen des Unholds über die Stadt hinweg schweiften, blähten sich seine dunklen Nüstern, denn er nahm die Witterung seines Opfers auf. Durch all die tausend Gerüche der Menschen, durch Smog und Kot und den Schweiß der Millionen Stadtbewohner, durch Küchengerüche, Abfall und all die Chemie, mit der sich das Erdenvolk langsam selbst vergiftete, roch er schwach aber unverkennbar den Schwefelduft, der sie immer noch umgab. Langsam wandte er seinen Blick nach Süden. Irgendwo dort unten würde er sie finden und töten. Er legte den Kopf in den Nacken und stieß ein tiefes, böses Geheul aus. Die Jagd hatte begonnen!

 

Auszug aus dem 7. Kapitel:

Constantin nippte an seinem Sektglas und zündete sich zufrieden eine Zigarette an. Nach dem höchst unerfreulichen Morgen, der ernsthafte Zweifel am Geisteszustand seiner Freunde in ihm geweckt hatte, war diese Party genau das, was er jetzt brauchte. Nicht, dass die anderen Gäste hier einen wirklich normalen Eindruck auf ihn gemacht hätten. Aber sie waren nicht seine Freunde, so dass ihn ihre Absonderlichkeiten nicht zu interessieren brauchten. Außerdem gab es doch einen qualitativen Unterschied zwischen dem Glauben an leibhaftige Dämonen und einem tätowierten Teufelchen auf der kaum verhüllten Pobacke einer vollbusigen Blondine oder einem um den Hals gehängten Dildo in Form eines Dreizacks.

Constantin nippte noch einmal an seinem Sektglas und warf dann einen Blick in den Spiegel über der Bar. In Ermanglung echter Fetischmode-Artikel in seinem Kleiderschrank hatte er sich eine Nylonstrumpfhose gekauft, die Fußstücke abgeschnitten, ein Loch in den Schritt gemacht und sie sich dann einfach über den nackten Oberkörper gezogen. Zusammen mit dem Kajal unter seinen Augen und dem dezenten roten Lippenstift hatte das Ganze doch eine ziemlich entfremdende Wirkung auf sein Äußeres. An jedem anderen Ort wäre er sich wie ein buntgescheckter Affe vorgekommen – zumal er eigentlich gar nichts mit diesem Fetisch-Krempel zu tun hatte. Er bekam einfach viele Einladungen zu vielen Partys und war neuen Erfahrungen gegenüber immer aufgeschlossen, und hier konnte sein jetziges Outfit besten Gewissens als angemessene Abendgarderobe durchgehen. Also wandte er sich mit einem zufriedenen Lächeln vom Spiegel ab, um seine Aufmerksamkeit wieder dem wilden Treiben um ihn herum zuzuwenden. Während er die optischen Eindrücke und die Musik auf sich wirken ließ, entschied Constantin, dass es richtig gewesen war, nicht auch noch Karten für seine Kumpels zu organisieren. Wahrscheinlich hätten sie ihn sowieso für verrückt erklärt, auf so eine Party zu gehen. Bei diesem Gedanken musste er loslachen: sie ihn! Und wenn doch einer von ihnen mitgekommen wäre, müsste er sich jetzt mit Sicherheit den ganzen Abend Gruselstorys anhören. Er würde morgen mal bei Emil anrufen. Wenn der dann immer noch seinen Film fahren sollte, würde Constantin sich überlegen, was in so einem Fall die beste Vorgehensweise war. Aber das war eine Überlegung für einen anderen Tag! An diesem Abend würde er sich keine Gedanken mehr über diese Geschichte machen. Dafür gab es hier viel zu viele süße Girls, die seine Aufmerksamkeit erforderten.

In diesem Moment tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Er drehte sich um und fiel in zwei tiefe, blaue Bergseen.

„Hast du mal Feuer?“

Wow! Was für ein Babe!

Constantin beeilte sich, sein Feuerzeug hervorzukramen, um dem himmlischen Geschöpf, das da vor ihm stand, den geäußerten Wunsch zu erfüllen. Nicht nur ihr platinblondes, schillerndes Haar, sondern auch ihr Outfit legte fromme Vergleiche nahe. Sie trug nämlich ein weißes, plüschbesetztes Engelskostüm – und zwar eins, das mit Sicherheit nicht den Zensurvorschriften des christlichen Himmels entsprach.

Leider fiel Constantin überhaupt kein passender Spruch ein, während er der Kleinen Feuer gab, also begnügte er sich damit, sie anzugrinsen. Sie nahm einen tiefen Zug an ihrer Zigarette und blies ihm dann den Rauch ins Gesicht. Im Umdrehen sagte sie lächelnd: „Teuflisch gute Party, nicht?“ Damit entschwand sie mit einem ausgesprochen atemberaubenden Hüftschwung zwischen den anderen Gästen. Constantin schüttete den Rest seines Sekts in einem Schluck herunter. Diese Party versprach wirklich, teuflisch nett zu werden …!

***

Constantin amüsierte sich blendend. Er hatte soeben an der Bar ein Gespräch mit einer großen, dunkelhaarigen Lady im Dominakostüm angeknüpft. Zugegebenermaßen konnte sie dem Engelchen von eben nicht das Wasser reichen, aber dafür war sie einer angeregten Unterhaltung gegenüber weitaus aufgeschlossener. Gerade erzählte sie ihm von ihrem letzten Piercing, und Constantin machte sich einige Hoffnungen darauf, es im Laufe des Abends noch zu sehen zu bekommen, als ihn jemand unsanft an der Schulter packte. Erschreckt fuhr er herum. Ein übernächtigter, düster dreinblickender Emil stand vor ihm.

„Was machst du denn hier?“, entfuhr es Constantin.

Emils Gesichtsausdruck verfinsterte sich noch weiter, während er den Blick missbilligend über das gewagte Outfit seines Freundes wandern ließ: „Das wollte ich dich auch gerade fragen.“

Constantin war überfordert. Nicht nur, dass Emil in einem ausgesprochen unpassenden Moment aufgetaucht war, nein, er sah auch überhaupt nicht so aus, als sei er hier, um sich zu amüsieren. Mit seiner Todesmiene und dem langen, dunklen Mantel sah er eher aus wie ein Highlander, der seinen nächsten Kampf sucht.

Moment: Highlander? In Constantin stieg ein erschreckender Verdacht auf.

„Sag mal, du hast doch nicht etwa noch Wächters Schwert dabei, oder?“, fragte er so leise, wie es die Geräuschkulisse zuließ.

„Doch. Aber darum geht es im Augenblick nicht“, erwiderte Emil ungerührt.

Constantins Augen weiteten sich vor Schreck.

„Wie bitte?“, stöhnte er mit mühsam unterdrückter Panik in der Stimme. Emil war wirklich verrückt! Vielleicht stand er kurz vor einem Amoklauf! Was sollte er jetzt nur tun? Die Polizei rufen?

Nein. Erst einmal musste er Emil hier raus lotsen, und zwar so, dass dieser nicht argwöhnisch wurde. Angewandte Psychologie war jetzt das Zauberwort!

Also legte Constantin seinem Freund beschwichtigend den Arm um die Schulter und drehte sich zu der verdutzt wartenden Domina um.

„Darf ich dir Emil vorstellen? Ein guter Kumpel von mir. Emil, das ist … äh …“

„Diana“, vervollständigte sie seinen Satz. Dann sagte sie nicht sonderlich erfreut: „Freut mich“, wobei sie den Neuankömmling von oben bis unten musterte. „Bist du ’n Highlander oder so was?“

Constantin zuckte zusammen und warf dem Angesprochenen einen erschreckten Blick zu. Hoffentlich reizte ihn das nicht! Aber Emil wirkte nicht sonderlich gereizt, eher genervt.

„Nein, ich bin kein Highlander. Nur Constantins Lebensabschnittsgefährte“, erwiderte er trocken.

Diana bekam große Augen.

Emil warf Constantin ein kurzes Lächeln zu, bevor er weitersprach: „Ach, hat er dir das nicht erzählt? Na ja, manchmal macht er sich halt einen Spaß daraus, in Heterofrauen gewisse Hoffnungen zu wecken. Er meint das nicht böse.“

Der Blick der Domina wanderte erschüttert zwischen den beiden hin und her, während Constantin innerlich im Boden versank. Dann fauchte sie „Ihr spinnt doch!“ und machte einen wütenden Abgang – ohne dabei allerdings zu vergessen, das Sektglas mitzunehmen, das Constantin ihr spendiert hatte.

Emil wandte sich derweil seinem immer noch sprachlosen Freund zu: „Tut mir leid, wenn ich dir die Show vermasselt habe, aber sie störte.“

„Äh, ja. Halb so schlimm“, log Constantin resigniert. Dann versuchte er, wieder die Kontrolle über das Gespräch zu gewinnen: „Also, glaubst du etwa, dass sich hier irgendwelche Dämonen befinden?“

„Nicht irgendwelche Dämonen. Demmi!“, korrigierte Emil.

„Ja, natürlich. Demmi. Aber die ist doch auch eine Dämonin, wenn ich mich recht erinnere?“

„Constantin, ich weiß, dass du mich für verrückt hältst“, erklärte Emil und fügte dann sinnierend hinzu: “Ginge mir ja nicht anders.“

„Nein, nein! Ich halte dich überhaupt nicht für verrückt!“, behauptete Constantin beschwichtigend.

Emil sah ihn erfreut an: „Nicht?“

Unter normalen Umständen wäre ihm die plumpe Lüge natürlich aufgefallen, aber die letzten zwanzig Stunden hatten doch ihren Tribut gefordert. Er war einfach zu müde, ausgelaugt und durcheinander, um sich mit Feinheiten aufzuhalten.

Constantin seinerseits interpretierte Emils Reaktion vollkommen falsch. Er hoffte, endlich einen Zugang zum verwirrten Geist seines Freundes gefunden zu haben. Jetzt dürfte er nicht nachlassen!

„Ich glaube nicht, dass sie hier ist“, erklärte er wie selbstverständlich.

„Ach? Warum nicht?“

„Na ja, weil …“ Constantin sah sich hilfesuchend um. Dann kam ihm die Idee!

„Sieh mal: Wenn Demmi wirklich eine Dämonin ist, wird sie doch einen Ort meiden, an dem es Engel gibt!“

Emil sah seinen Freund blöde an: „Engel?“

„Ja, Engel! Da vorne steht einer!“

Damit deutete Constantin – nicht ohne einen Anflug von Stolz auf sein gelungenes Manöver – zum anderen Ende des Raums hinüber. Sein Freund wandte sich um und erstarrte: „Demmi!“

Das war zu viel für Constantin. Sein Sektglas glitt ihm aus der Hand und zerschellte am Boden. Emil wandte sich wieder zu ihm um und flüsterte, jetzt mit einem wirklich irren Funkeln in den Augen: „Ich wusste, dass sie hier ist!“

Dann stieß er sich von der Bar ab und steuerte entschlossen auf das Mädchen im Engelskostüm zu.

Also gut. Der arme Emil war tatsächlich verrückt, wahrscheinlich sogar gemeingefährlich. Vielleicht sollte Constantin ihn von hinten anspringen und zu Boden ringen. Andererseits war sein Freund stärker als er, wenn auch nur ein bisschen. Außerdem konnte Emil dummerweise mit dem Schwert unter seinem Mantel umgehen, denn er trainierte schon seit einigen Jahren mit Wächter zusammen Schwertkampf. Wächters Klinge war wirklich scharf und Constantin hing wirklich an seinem Leben – und natürlich auch an allen seinen Körperteilen. Also musste ein besserer Plan her. Doch die Polizei …? Doch die Polizei! So sehr es ihn schmerzte, seinen Freund dem harten Arm des Gesetzes zu überantworten – in diesem Fall musste er einfach Prioritäten setzten. Bei den Toiletten war doch ein Münzfernsprecher gewesen …

***

Das Schicksal hatte seine liegengebliebenen Aufgaben inzwischen vollständig abgearbeitet und konnte sich für den Moment voll und ganz auf diese Geschichte konzentrieren. Es war entschlossen, auf alle sonst so wichtigen Wahrscheinlichkeits-Erwägungen einfach zu verzichten, um es hier und jetzt mal so richtig krachen zu lassen. Dafür mussten allerdings noch weitere Protagonisten auf die Bühne und so kam es, dass nur wenige Augenblicke, nachdem Constantin im WC-Trakt des Clubs verschwunden war, Wächter, Malte und die Dämonenjäger am Ort des Geschehens eintrafen. Die Türsteher stellten für die kleine Gruppe keine ernsthafte Behinderung dar, denn Mai Li befand sich im Besitz gefälschter Polizeiausweise fast jeden Staates der Erde. Während Tatonka die schwere Stahltür aufzog und in die Schwüle des Partyraums eintauchte, wandte sich die kleine Chinesin noch einmal zu Malte um und lobte ihn für seinen Einfall – bestimmt zum hundertsten Mal seit heute Morgen. „Die Idee, unseren Hexenkompass mit dem Dämonenblut auf Wächters Schuhen zu füttern, war wirklich genial!“, grinste sie ihm anerkennend zu.

„Ach was! Das wäre euch auch ohne mich eingefallen“, beschwichtigte der große Blondschopf bescheiden. Innerlich aber strahlte Malte von einem Ohr zum anderen. Nicht nur, dass er seine Idee eigentlich selbst genial fand, auch das ständige Lob aus dem Mund der hübschen Mai Li erfreute ihn auf das Höchste. Sie schien ihn zu mögen!

***

Emil hatte sich inzwischen bis auf wenige Meter an Demmi herangearbeitet. Sein Marsch durch den Partyraum hatte allerdings an Entschlossenheit eingebüßt, desto näher er seinem Ziel gekommen war. Jetzt stand er im Sichtschatten seiner Angebeteten und überlegte angestrengt, wie er sie ansprechen sollte, ohne sich schon wieder bis auf die Knochen zu blamieren. Sie durfte auf keinen Fall merken, dass er immer noch verknallt in sie war. Am besten ließ er es so aussehen, als ob er ganz zufällig hier wäre. Dabei konnte ihm eigentlich Constantin behilflich sein. Der wusste immer, wie man einen Smalltalk anfing – und vor allem, wie man ihn am Laufen hielt. Auf der anderen Seite war sein Freund ein Ladykiller. Nicht, dass Demmi am Ende mit ihm abzog. Aber Emil war selbst viel zu aufgeregt, um sich der Herausforderung eines Gesprächs alleine zu stellen. Und außerdem war Constantin schließlich kein Kameradenschwein. Er würde sich schon zurückhalten, wenn man ihn darum bat. Wo war er eigentlich? Suchend ließ Emil seinen Blick durch die Halle schweifen – und erschrak zu Tode, als er dort, wo eben noch sein Freund gestanden hatte, Tatonka erblickte.

Scheiße! Was wollte der denn hier? Dann sah Emil auch Mai Li, und zwar genau in dem Moment, als diese durch eine Lücke zwischen den Partygästen Demmi ausmachte. Die Augen der Chinesin wurden schmal, wie die einer Katze, die gerade die Maus entdeckt hat. Dann bewegten sich ihre Lippen – in dem Lärm scheinbar lautlos. Tatonka griff sich mit zwei Fingern ans Ohr und wandte seinen Blick in Demmis Richtung.

Panik stieg in Emil auf. Hektisch blickte er zwischen den beiden Jägern und ihrem völlig ahnungslosen Opfer hin und her. Die kleine Dämonin, die übrigens in dem Engelskostüm besonders niedlich aussah, wenn man auch den Schwanz und die Hörner sehen konnte, unterhielt sich gerade angeregt mit einer fast zwei Meter großen, voll aufgetakelten Tunte. Währenddessen begannen die beiden Agenten, sich von zwei Seiten her an sie heranzupirschen. Und da waren ja auch Wächter und Malte in seinem weißen Jogginganzug! Die würden bei so einer Sache ja wohl nicht mitmachen …! Doch. Wie er sie kannte, würden sie genau das tun! Er musste Demmi warnen! Geduckt huschte Emil durch die dichtgedrängten Reihen der Fetischisten. Als er nur noch zwei Meter von dem Teufelchen im Engelskostüm entfernt war, blickte er noch einmal zu Mai Li hinüber. Die griff gerade in ihre Jacke und zog daraus ihre modifizierte Automatikpistole hervor. Sie würde ja wohl nicht hier drinnen eine Schießerei anfangen …! Doch. Sie würde! Denn sie ging in aller Ruhe in Kombatstellung und brachte die schwere Handfeuerwaffe auf Demmi in Anschlag. Emil warf sich vor das Ziel und riss die Arme hoch: „Nicht schießen!“

Seine Reaktion war mehr ein Reflex, denn eine wohlüberlegte Handlung gewesen. Erst jetzt, als er genau zwischen der Mündung von Mai Lis Waffe und der Dämonin stand, ging ihm auf, dass er ja tot wäre, wenn die Agentin trotz seiner Bitte schoss. Zum Glück für alle Beteiligten tat sie das allerdings nicht. Stattdessen stieß sie einen wüsten chinesischen Fluch aus, von dessen Übersetzung wir hier absehen wollen, und spurtete dann auf Emil zu, ebenso wie Tatonka. Der indianische Hüne hatte seine Waffe inzwischen ebenfalls gezogen und pflügte jetzt mit hoch erhobener Klinge durch die Reihen der Gäste, wie ein Bulldozer durch ein Maisfeld. Emil stand wie versteinert da, unfähig sich zu rühren, geschweige denn auszuweichen. Nur seine Augen weiteten sich mehr und mehr, je näher der unaufhaltsame Zusammenprall rückte.

Emil hatte immer geglaubt, zu wissen, warum er kein Football spielte. Aber erst nach Tatonkas Bodycheck wusste er es wirklich. In hohem Bogen flog er durch die Luft und konnte von Glück sagen, dass die gewaltigen Polsterbusen der Tunte seinen Sturz abfingen. Mühsam rappelte er sich aus den weichen Kissen hoch und versuchte, wieder einen Überblick über den Stand der Lage zu bekommen. Seine Schulter war vollkommen taub, was er aber im Augenblick dem Schmerz vorzog, der sich später mit Sicherheit noch einstellen würde. Demmi hatte durch seine Hilfestellung genug Zeit gewonnen, um den Rückzug anzutreten. Mit wippendem Heiligenschein und fliegendem Schwanz floh sie hakenschlagend vor den beiden Dämonenjägern durch die johlende Meute der Gäste, die den Ernst der Situation vollkommen verkannten und das Ganze offenbar für eine gelungene Performance hielten. Emil wandte sich nach Wächter und Malte um und sah erschrocken, dass die beiden durch die Menge hindurch auf ihn zugestürmt kamen. Es war anzunehmen, dass sie momentan nicht auf seiner Seite waren. Also floh er ebenfalls.

Demmi war den beiden Agenten inzwischen so geschickt ausgewichen, dass sie einen freien Korridor zum Hinterausgang vor sich hatte. Also, ihr nach! Stolpernd und rempelnd bahnte Emil sich seinen Weg durch die Reihen der Fetischisten. Dabei kam ihm ausnahmsweise einmal zu Gute, dass er nicht der Größte war, denn seine Freunde hatten es weitaus schwerer als er einen Weg durch die Menge zu finden.

Trotz ihrer zeitlichen Kürze hatte die Verfolgungsjagd einen derart verworrenen Verlauf gehabt, dass Emil tatsächlich als Zweiter in die Nähe des Hinterausgangs kam. Das war allerdings nur scheinbar von Vorteil. Denn Demmi kam schon Augenblicke, nachdem sie durch die hölzerne Schwingtür verschwunden war, Hals über Kopf wieder in den Raum gestürzt und schoss am völlig verdutzten Emil vorbei. Ihr dicht auf den Fersen, brach mit einem gewaltigen Satz der Unhold durch die Tür und zerlegte sie dabei in feuerscheitgroße Einzelteile.

Emils Glück war, dass er im Moment nicht das Primärziel des Monstrums war und deswegen nicht weiter von ihm beachtet wurde. Sein Pech war, dass er sich genau zwischen dem Monstrum und seinem Primärziel befand. Er versuchte noch irgendwie auszuweichen, aber es war schon zu spät.

Tatonkas Check war übel gewesen – der des Unholds war verheerend! Hinzu kam, dass Emil diesmal nicht das Glück hatte, am weichen Busen einer Frau – wenn auch einer falschen – zu landen. Stattdessen wurde er über die nächste Bar hinweg gegen ein Spirituosenregal geschleudert und sank inmitten zerbrochenen Glases benommen zu Boden.

Während das Gejohle der Menge in Kreischen umschlug und Ledermachos, Freaks und Latexköniginnen auseinander stoben wie eine Herde Schafe, in die der Wolf fährt, gelang es Demmi, zwischen Tatonka und Mai Li hindurchzuschlüpfen und so das Unhold-Problem erst einmal auf sie abzuwälzen. Die beiden Agenten waren bis auf wenige Meter an die Tür herangekommen, als das Monstrum sie durchbrach. Dass sie Demmi jetzt so einfach entkommen ließen, erklärt sich aus zwei völlig verschiedenen Gründen: Erstens waren sie beide erfahren genug, um sofort zu erkennen, dass der neue Mitspieler, der da soeben auf der Bildfläche erschienen war, weitaus gefährlicher war als ihr ursprüngliches Ziel. Zweitens waren sie trotz ihrer Erfahrung zu Tode erschrocken, unversehens einem ausgewachsenen Kampfdämon gegenüber zu stehen. Als sie ihren ersten Schock überwunden hatten, war Demmi schon zwischen den flüchtenden Gästen verschwunden.

Die Dämonenjäger waren allerdings nicht die einzigen, die von der Situation erst einmal überfordert waren. Denn die Intelligenz des Unholds stand in keinem Verhältnis zu seiner körperlichen Kraft. Und er hatte wirklich nicht erwartet, hier zwei kampfbereiten Pegasus-Agenten zu begegnen. Dass die beiden solche waren, erkannte er sofort, denn Mai Li riss reflexartig ihre Pistole hoch und Tatonka tat das gleiche mit seinem Schwert. Der gewaltige Dämon stoppte aus vollem Lauf und starrte die beiden blöde an. Einen Moment lang schien sich trotz der sie umgebenden Panik Stille über die Szenerie zu legen. Dann warf sich das Monstrum zur Seite, gerade noch rechtzeitig, um einem Feuerstoß aus der Waffe der Chinesin zu entgehen. Die Kugeln zischten dicht an seinem Ohr vorbei und durchschlugen die ohnehin schon jämmerlichen Reste der Schwingtür.

Auch wenn der Unhold nicht der Hellste war, er war doch ein Kampfdämon – also mit einem gewissen taktischen Verstand begabt. Mit zwei großen Hechtsprüngen war er hinter einer massiven Bar verschwunden, bevor Mai Li ihn wieder ins Visier nehmen konnte. Mit seiner unglaublichen Kraft riss er die gesamte Thekenkonstruktion aus der Verankerung und schleuderte sie in Richtung der beiden Agenten. Tatonka bekam eine Kante des Tresens in die Magengrube und sackte japsend in sich zusammen. Nur seine über alle Maßen ausgeprägte Bauchmuskulatur bewahrte ihn vor einigen üblen inneren Verletzungen. Mai Li wurde im Ausweichen an der Schulter getroffen. Ihre Pistole klapperte über den Boden und verschwand zwischen den Füßen der flüchtenden Partygäste – von denen keiner den Verstand besaß, sie aufzuheben und vielleicht etwas Sinnvolles damit zu tun.

Der Unhold bleckte die Zähne zu seinem wohlbekannten bösen Grinsen. Das klappte ja endlich mal so, wie es sollte! Jetzt musste er nur schnell die beiden verfluchten Krieger des Lichts ausschalten, dann konnte er sie schnappen und zurück nach Unten schleifen! Der Meister würde zufrieden mit ihm sein, sehr zufrieden! Zum Takt der immer noch wummernden Bässe stapfte er auf den sich am Boden krümmenden Sioux zu. Kurz bevor er sein Opfer erreicht hatte, warf er allerdings zur Sicherheit noch einen Blick in die Runde. Normalerweise arbeiteten Ordensagenten zwar immer in Zweierteams, aber hier wollte er auf keinen Fall wieder eine so böse Überraschung erleben wie am Morgen.

Am Morgen ….

Das war ja der Kerl aus dem Park! Da stand er! Mitten auf der sich leerenden Tanzfläche! Zusammen mit einem anderen Menschlein stand da der Kerl, der ihm am Morgen im Park die Klaue abgehauen hatte, und starrte ihn entsetzt an. Und diesmal hatte er kein Schwert!

Der Unhold vergaß augenblicklich die fast besiegten Dämonenjäger, er vergaß sogar seinen Auftrag. Alles, woran er noch denken konnte, war Rache! Rache für den Schmerz und die Demütigung, die dieser Sterbliche ihm zugefügt hatte! Ein tiefes, die Bässe übertönendes Knurren stieg in ihm auf und steigerte sich zu einem gewaltigen Schrei: „Rrraaacheee!“

Wächter und Malte starrten den Unhold entsetzt an. Das Mark gefror ihnen in den Knochen, und ihre Glieder verwandelten sich in Eiszapfen, während sie hilflos darauf warteten, dass die Bestie auf sie zuspränge, um sie in der Luft zu zerreißen. Das tat sie allerdings erst einmal nicht. Denn der Unhold war zwar wirklich dumm, aber in diesem einen Moment seiner Existenz war er nicht dumm genug. Nachdem er seiner ersten heißen Wut in dem gewaltigen Aufschrei Luft gemacht hatte, schlich sich ein an und für sich schlauer Gedanke in seinen Geist: Rache muss man kalt genießen. Dass man sie aber nur kalt genießen kann, wenn man dazu genügend Zeit hat, so weit dachte er nicht.

„Erinnerst du dich noch an mich?“, grollte er drohend und gedehnt zu dem Menschlein hinüber.

„Äh … Ich … weiß nicht“, stammelte Wächter zitternd, um Zeit zu gewinnen.

„Waaas?“ Die unglaubliche Unverschämtheit dieses Sterblichen ging über jedes erträgliche Maß weit hinaus!

„Du erinnerst dich nicht einmal? Heute Morgen hast du mir“, dabei hob der Dämon seinen verbundenen Armstumpf hoch und schüttelte ihn anklagend, „die Hand abgeschlagen!“ Mühsam beherrscht schnappte er nach Luft.

Wächters Geist begann zähflüssig, wieder zu arbeiten. Er hatte tatsächlich Zeit gewonnen. Aber was sollte er jetzt damit anfangen? Da wurde ihm von unerwarteter Seite Hilfe bei der Lösung seines Problems zuteil.

„Wächter!“

Der Ruf ließ den Unhold herumfahren und Wächter und Malte endgültig aus ihrer Karnickelstarre erwachen. Emil hatte es geschafft, sich hinter seiner Bar hochzurappeln. Er war zwar immer noch recht wackelig auf den Beinen und sein Rücken schmerzte höllisch, aber es war ihm gelungen, Wächters Klinge aus seinem Mantel zu entwirren. Jetzt hielt er sie über den Kopf erhoben in der Rechten. Dann holte er weit aus: „Fang!“

Der Unhold machte einen hilflosen Schritt auf Emil zu und brüllte entsetzt: „Neeeiiiinnn!“

Aber der Angesprochene war viel zu weit entfernt, als dass man ihn noch hätte aufhalten können. In hohem Bogen rotierte das Schwert propellergleich durch die Luft, über den Kopf des Dämons hinweg, in Wächters Richtung. Also warf sich der Unhold wieder herum, um Wächter zu erreichen, bevor dieser die Waffe aufheben konnte. Sein Gegner hatte indes gar nicht vor, sie überhaupt aufheben zu müssen. Er machte einen hohen Satz, um sie aus der Luft zu fangen. Sein Schwert! Seine Rettung!

Es ist wirklich bedauerlich, dass das echte Leben keine Möglichkeit zu Zeitlupeneinstellungen bietet. Sonst hätte man jetzt das anmutige Schauspiel bewundern können, welches Wächters Hände und der Schwertgriff boten, als er versuchte, die wirbelnde Masse seiner Waffe unter Kontrolle zu bringen. Es gelang ihm zwar tatsächlich, den Griff und nicht die Klinge des rotierenden Stahls zu fassen zu kriegen, aber die diesen bewegende Fliehkraft war zu groß, als dass Wächter sie so einfach hätte abstoppen können. Also drehte sich das Schwert um seine Hand und entglitt ihr wieder. Er griff mit Links nach. Dann noch mal mit Rechts. Doch der schwere Anderthalbhänder wollte sich einfach nicht richtig fassen lassen.

Ein weiterer Reiz der leider unmöglichen Zeitlupe wäre der Sprung des Unholds gewesen – die Kraft seiner Bewegungen, die Panik auf seinen Zügen, die sich noch steigerte, als er in der Luft schon begriff, dass er zu kurz angesetzt hatte und seinen Gegner nicht erreichen würde …

Tatsächlich sah man nur wirbelndes Metall und einen großen, fliegenden Schatten.

Dann setzte der Dämon auf, genau in dem Moment, da Wächter seinen Kampf gegen die unverrückbaren Gesetze der Physik endgültig verlor. Die Klinge löste sich aus ihrer Kreiselbewegung um seinen Kopf und fuhr mit Wucht in den hölzernen Tanzboden. Um genau zu sein, fuhr sie zuerst durch die Fußklaue des Unholds und erst dann in den Boden.

Wächter, Malte, Emil – und der Unhold – senkten langsam den Blick.

Wächter erfasste die neue Situation deutlich vor dem Dämon. Dabei half ihm natürlich der Umstand, dass das Schwert nicht in seinem Fuß steckte. Dafür war aber der Griff desselben jetzt in bequemer Reichweite. Er brauchte nur zuzugreifen – was er auch tat. Dann machte er einen lockeren Satz zurück und ging in Kampfstellung.

„Heute Morgen? Ja, jetzt erinnere ich mich“, grinste er den Unhold unverschämt an.

Das Monster stierte immer noch angestrengt auf seinen durchstochenen Fuß, aus dem jetzt langsam schwarzes Blut quoll. Wie hatte der Mensch das gemacht? Er musste ein wirklicher Meister des Schwertes sein! Wie die meisten seiner Art war der Unhold nur so lange mutig, wie die Dinge gut für ihn standen. Und das taten sie jetzt eindeutig nicht mehr. Also entschied er sich dafür, unter schmerzerfülltem Geheul den Rückzug anzutreten. Keinen Moment zu früh übrigens, denn Mai Li war die ganze Zeit über nicht K.o. gewesen. Sie hatte sich robbender Weise langsam aber sicher zu ihrer Pistole vorgearbeitet – die inzwischen nicht mehr zwischen den Füßen flüchtender Partygäste lag, weil die schon alle weg waren. Als der Dämon nun zur Küchentür entfloh, kam die Agentin, die Waffe im Anschlag, hoch. Auch die Küchentür war eine Schwingtür. Und als der Unhold sie durchbrach, ereilte sie das gleiche tragische Schicksal, wie vorher die des Hinterausgangs: Sie zerbarst in tausend Stücke. Mai Li gab dem Fliehenden zum Abschied noch eine Garbe Freikugeln mit auf den Weg, traf aber nicht mehr. Aus der Küche ertönten noch ein lautes Scheppern und ein Zischen wie von heißem Wasser, das sich über eine Herdplatte ergießt, gefolgt von einem letzten schmerzerfüllten Aufheulen des Dämons. Dann war alles still.

Erst jetzt bemerkten die Anwesenden, dass das letzte Lied wohl vor kurzem zu Ende gegangen war, und der DJ es offensichtlich nicht als seine Aufgabe erachtet hatte, hier auszuharren, um ein Neues aufzulegen. Mai Li kniete neben Tatonka nieder, der sich gerade wieder zu regen begann, und legte ihm sanft die Hand auf die Schulter: „Alles in Ordnung, Partner?“

Er gab ein leises Knurren von sich, das wohl Zustimmung bedeuten sollte.

Malte wandte sich währenddessen Wächter zu: „Ich wusste gar nicht, dass du so gut bist! Aber wieso hast du ihm gerade in den Fuß gestochen?“

Wächter schenkte seinem Freund ein schiefes Lächeln: „Eigentlich wollte ich ihm auf den Kopf schlagen.“

Als Malte begriff, dass Wächter sie alle quasi versehentlich gerettet hatte, bekam er weiche Knie.

Mai Li analysierte unterdessen die Situation: „Also gut: Die beiden Dämonen scheinen verfeindeten Häusern anzugehören. Der Große jagt die Kleine. Wenn wir ihn weiter mithilfe des Hexenkompasses verfolgen, führt er uns über kurz oder lang zur Pyramide. Das ist zwar alles leichter gesagt als getan, aber eine andere Möglichkeit, das Ding aufzuspüren, haben wir momentan nicht. Wir werden jetzt erst einmal euren Freund aus seiner Verzauberung erlösen. Dann machen wir Meldung an die Zentrale. Dann sehen wir weiter.“

Damit wandte sie sich zu der Stelle um, wo Emil eben noch gestanden hatte …

***